Ramelow Magalog Herbst / Winter 2015 - page 56

KOLUMNE
um Geburtstag bekam ich dieses
Jahr Gummistiefel mit High
Heels. Das gibt es jetzt wirklich. Meine
Familie fand die Idee wahnsinnig
witzig, Mutti als Vollprolette durch die
Pfützen zu scheuchen. „Du trägst doch
immer Absätze“, sagte mein Mann hilf-
los, als er mein beleidigtes Gesicht sah.
Und da konnte ich ihm leider nicht
widersprechen.
Als ich mit Anfang Zwanzig die
Hoffnung endgültig aufgab, dass mir
die Natur mehr als 1,60 Meter Körper-
größe schenken würde, beschloss ich,
einfach selbst von unten anzubauen.
Erst mit zaghaften Stiefeletten, später
mit spitzen Pumps – und dann ver-
selbstständigte sich die Sache irgend-
wie. Meine Beine schienen von selbst
zu wachsen, mein Rücken wurde
gerader, die Schritte kleiner, der Gang
wiegender, der Hintern knackiger, das
Kinn höher. Ich entdeckte ein völlig
neues Körpergefühl. Ich entdeckte
Blasenpflaster. Und dass das Leben
170 Zentimeter über dem Erdboden
einfach besser ist: Die Sicht ist freier,
die Luft in der U-Bahn besser, die
Gespräche sind auf Augenhöhe.
Seitdem haben meine Füße keine
Ballerinas mehr gesehen. Ich schlüpfe
morgens in meine Ankle Boots, im
Sommer in meine Peeptoes und
klappere damit ins Büro, versinke
nachmittags damit so würdevoll wie
Z
möglich im Spielplatzsand und
schleppe anschließend sogar Einkaufs-
tüten nach Hause. Kopfsteinpflaster,
Kurzsprints, Fahrradfahren, Nächte
durchtanzen – alles reine Übungssache.
Man kann selbst hochschwangere
15-Kilo-Kugeln auf 8-Zentimeter-
Absätzen ganz wunderbar austarieren.
Ich weiß, dass es gesündere Schuhe
gibt. Ich weiß, dass ich meinen Vorder-
fuß, meine Mittelfußköpfchen, meine
Achillessehne und was weiß ich noch
alles maßlos strapaziere und meine
Füße sich irgendwann mit einem
Spreizfuß, Hallux valgus, Hammer-
und Krallenzehen rächen werden.
Wenn ich mit 60 orthopädische Spe-
zialschuhe tragen werde, werden sie
sich ins Fäustchen lachen, die Turn-
schuhmütter, die nach der Geburt des
ersten Kindes alle High Heels aus dem
Kombi werfen, weil sie ja so furchtbar
unpraktisch und ungesund sind. Aber
hey, dann hab ich es wenigstens die
40 Jahre davor krachen lassen.
Ich will nicht praktisch sein. Mode
ist nicht dazu da, praktisch zu sein.
Sondern dazu, mich schöner, begeh-
renswerter oder zumindest selbstbe-
wusster zu machen – in jeder Jahreszeit.
Ich fühle mich einfach sicherer auf Ab-
sätzen. Sie sind meine Rüstung, mein
Schutzschild für das Leben da draußen.
Eine schlecht gelaunte Kollegin, eine
verpasste Bahn, ein Kaffeefleck auf
der neuen Lieblingsjacke, verwischte
Mascara beim ersten Date – all dem
kann man auf High Heels besser
begegnen als auf dem flachen Boden.
So gesehen … vielleicht ja auch Regen-
pfützen. Ich sollte den Gummidingern
eine Chance geben. Auf in den Herbst!
GUMMISTIEFEL
MIT HIGH HEELS
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Miriam Collée, 41, Autorin, wundert
sich modetechnisch gesehen über
so ziemlich gar nichts mehr. Nach 3
Jahren in Shanghai lebt sie jetzt mit
Mann und 2 Kindern in Montreal.
Das kanadische Kopfsteinpflaster ist
leider nicht gerade High Heel freundlich,
aber mit etwas Übung zu schaffen.
Foto: Simone Scardovelli
1...,46,47,48,49,50,51,52,53,54,55 57,58,59,60
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